Gläserner Pirat? Transparente Partei!
Immer wieder kommt es auf Mailinglisten der Piratenpartei zu Diskussionen um das Thema Archivierung. Zur Zeit bewegt vor allem das Thema "Syncom" viele Gemüter. In diesem Artikel möchte ich ein wenig meine Sicht der Dinge erläutern.
Zurst aber ein kleiner Exkurs zu der verschiedenen Kommunikationsformen, da meine Sicht von ihnen wesentlich zu meiner Meinung beiträgt.
Kommunikation
Mailinglisten
Mailinglisten dienen primär dazu, E-Mails von einer Person an eine Gruppe von Personen zu transportieren. Je nach Einstellung der Mailingliste wird eine Antwort auf diese Mail direkt an die Liste zurückgeschickt, oder an den Absender. Die meisten Listen sind so eingestellt, dass beim Klicken auf "Antworten" als Adressat die Liste gewählt wird.
Jede an die Liste geschickte E-Mail wird an jeden einzelnen Abonnenten der Liste verteilt. Dies passiert sofort nach Eingang auf dem Listenserver. Wer also nicht Mitglied der Liste war, kann bereits verteilte E-Mails nicht lesen. Es sei denn, die Mailingliste führt ein Archiv. In diesem kann dann für einen gewissen Zeitraum jede Mail nachgelesen werden.
Sofern das Archiv nicht eingestellt ist, ist die Kommunikation auf Mailinglisten also flüchtig. Auf E-Mails kann nicht per Link referenziert werden, ebenfalls kann eine E-Mail nicht auf eine andere Mailingliste verschoben werden, sie kann maximal weitergeleitet werden. Passiert dies ohne das Einverständnis des Senders, wird dies von vielen als unhöflich und Verstoss gegen die Netiquette empfunden.
Viele Teilnehmer von Mailinglisten führen private Archive, die oft über mehrere Jahre zurückreichen, teilweise liegen diese Archive auch bei kommerziellen Anbieter wie GMX und Google. Technisch notwendig ist dies aber nicht.
Forum
In einem Forum kann zwischen zwei Bereichen unterschieden werden: Öffentlichen Bereichen die jeder einsehen kann und die auch von Suchmaschinen indexiert werden können und privaten Bereichen, die nur angemeldete Nutzer sehen können.
In Foren werden Beiträge üblicherweise nicht gelöscht. Ein Beitrag bleibt so lange erhalten, wie es das Forum gibt. Suchmaschinen können somit auch Jahre alte Beiträge noch als Suchtreffer anzeigen. Dies gilt um so mehr, wenn die Nutzer mit echtem Namen posten oder eindeutige Benutzernamen verwenden. Dies ist Nutzern von Foren im Allgemeinen bekannt.
In einem Forum könne Beiträge und ganze Themen gelöscht und verschoben werden.
Newsserver
Newsserver haben sowohl Eigenschaften von E-Mail-Listen als von von Foren. Nachrichten werden zentral vorgehalten und vom Nutzer mit einer von ihm gewählten Software heruntergeladen. Nachrichten können verschoben und referenziert werden. Die Vorhaltezeit der Nachrichten auf dem Newsserver kann sowohl vom Newsserver als auch vom versendenden Client gesetzt werden.
Ein Nutzer kann zu jedem Zeitpunkt alle auf dem Newsserver vorhandenen Nachrichten herunterladen, indem er die entsprechenden Gruppen abonniert.
SynCom
Im Piratenwiki heisst es zu SynCom knapp: "Die synchronisierte Forum/Mailinglisten/Newsserver Struktur wird im folgenden SynCom genannt."
Was verbirgt sich dahinter? Nach dem Adminstrator oder den Mitgliedern einer Mailingliste entschieden wurde, dass eine Liste in SynCom aufgenommen wird, werden alle Mails die an diese Liste gehen an einen Newsserver geschickt und in einem Forum veröffentlicht. Nach einem definierten Zeitraum X wird dann die Nachricht auf dem Newsserver und im Forum gelöscht.
Vorteile von SynCom
Mit SynCom soll das Problem gelöst werden, dass nicht jeder Pirat jede Mailingliste abonniert hat oder im Forum angemeldet ist und so unter Umständen ein für ihn interessantes Thema verpassen könnte. Je nach Vorhaltezeit kann auch noch nachträglich in Diskussionen eingestiegen werden. Ausserdem ziehen viele Vertreter der SynCom ziehen das Lesen von Nachrichten über News-Clients vor. Die Kommunikation über News-Server ist bisher innerhalb der Partei nur extrem gering verbreitet.
Theoretisch würde, wenn alle Mailinglisten der Partei über SynCom laufen, auf jedem der vernetzten Medien der gleiche Informationsgehalt vorliegen. Technisch gibt es hierbei einige Probleme, da z.B. Mailinglisten das Verschieben oder nachträgliche Löschen von verschichten Nachrichten nicht unterstützen. Dies wird aber nicht als gravierend angesehen.
Nachteile von SynCom
Während es bei Mailinglisten möglich ist, ohne ein Archiv zu arbeiten und somit ein relativ flüchtiges Kommunikationsmedium zu verwenden, ist dies mit SynCom per definitiv nicht möglich. Sowohl Newsserver als auch Forum brauchen eine gewisse Vorhaltezeit auf einem zentralen Medium, da die Nachrichten nicht zugestellt sondern abgeholt werden. Innerhalb dieser Vorhaltezeit jeder nachträglich die Kommunikation anderer einsehen.
Gläserner Pirat? Transparente Partei!
In Diskussionen zum Thema SynCom wird immer wieder das Argument gebracht, Piraten würden für Transparenz stehen. Dies ist in diese Allgemeinen Form nicht korrekt. Piraten fordern die Transparenz des Staates und der Entscheidungen, die er trifft. Dies bezieht sich z.B. auf die Einkünfte von Politiker, von ihnen geschlossene Verträge und natürlich auch, mit wem sie sich über dienstliche Belange unterhalten. Kein Pirat würde fordern, dass jede von einem Politiker getätigte Aussage, egal ob mündlich oder schriftlich, auf Vorrat gespeichert wird. Zumindest hoffe ich das, denn dies würde ich als extrem unverhältnismässig empfinden.
Innerhalb der Piratenpartei wird ein relativ hoher Grad an Transparenz erreicht. Mir wäre keine Gruppierung bekannt, bei der die Vorstände geheim tagen. So gut wie alle Treffen von gewählten Vertretern der Partei sind öffentlich, wenn auch teilweise aus organisatorischen Gründen die Teilnehmerzahlen stark begrenzt sind. Es wird versucht, diese Treffen dann entweder detailliert zu protokollieren oder sie sogar live in Ton oder Video zu übertragen. Dennoch wird auch Vorständen und sonstigen Vertretern Privatsphäre zugestanden. Ihre E-Mail-Konten werden nicht offengelegt und ihre Telefonanrufe nicht protokolliert. Ihre Jabber-Accounts sind ebenfalls protokollierungsfrei.
Dennoch wird gerade für Mailinglisten gefordert, diese müssen transparent sein. Man müsste über einen längeren Zeitraum hinweg nachweisen können, dass eine Person X Y geschrieben habe, und nicht Z. Wieso? Was macht ein normales Parteimitglied "gefährlicher" als einen Vorstand, dass ihm eine flüchtige Kommunikation nicht mehr gestattet werden soll? Ich wehre mich entschieden dagegen, dass die E-Mails die ich an einen - mir nicht bekannten - Personenkreis schreibe, für einen noch größeren Kreis auf diverse andere Medien repliziert werden. Ich sehe hier keinerlei Notwendigkeit.
Statt die Kommunikation aller Parteimitglieder auf Vorrat zu speichern, halte ich es für sinnvoller, Ergebnisse zu dokumentieren. Hierbei kann natürlich festgehalten werden, dass Person X zu dem Ergebnis Y zu sagen hatte und Person A der Meinung B war. Dies halte ich sogar für sehr sinnvoll. Gerade im Rahmen der Transparenz. Aber die innerparteiliche Kommunikation wird nicht dadurch auf magische Art und Weise besser, dass jeder Pirat mit einem einfachen Klick die gesamte Kommunikation aller anderen Piraten runterladen kann. Ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Informationsflut ist bereits jetzt erdrückend. Über 12.000 Mitglieder diskutieren auf Mailinglisten und im Forum. (News-Server lasse ich erstmal aussen vor.) Aber darüber hinaus diskutieren sie per Twitter, Jabber, Identi.ca, im Wiki per E-Mail privat untereinander und - ganz schlimm - sogar im echten Leben auf Stammtischen.
Fazit
Wer also SynCom für geeignet hält, die Kommunkation der Piraten zentral und somit redundanzfrei zu halten, der irrt gewaltig. Und dafür, dass lediglich Mailinglisten und Forum synchron sind und sich ein paar handvoll NNTP-Anhänger mit dem Medium ihrer Wahl in die Kommunikation einklinken, halte ich die Aufgabe der eingermassen flüchtigen Kommunikation über Mailinglisten für nicht gerechtfertigt.
Sofern sich aber die Mitglieder einer Mailingliste mehrheitlich für dieses Vorgehen entscheiden, ist diesem Wunsch nachzukommen. Dennoch musse gerade die Piratenpartei weiterhin "flüchtige" Medien wie Mailinglisten für Mitglieder vorhalten, die diese Form der Kommunikation vorziehen.
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Wochenrückblick 01.03.2010 - 06.03.2010
from PIRATEN live! on Fr, 05/21/2010 - 14:16Die Vorratsdatenspeicherung ist tot, lang lebe die Vorratsdatenspeicherung. Spätestens als bei der Verlesung des VDS-Urteils das Wort 'nichtig' fiel, brach bei den Bürgerrechtlern der Jubel aus, jedoch folgte schon bald die Ernüchterung, als die Urteil...
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Kommentare
Pingback
[...] Gläserner Pirat? Transparente Partei! | blog.christian-hufgard.de So arbeiten die Piraten. (tags: piraten) Geschrieben in Allgemeines | Keine Kommentare [...]
SynCom deshalb mit Befristung
hi,
genau deshalb löscht SynCom die Nachrichten nach eine voreingestellten Zeit. Für viele Listen sind das 30 oder 60 Tage. Ich bin auch gegen eine Langzeitarchivierung, weshalb z.B. auf den meisten bayr. Listen das Archiv deaktiviert ist. Doch mit 30 oder 60 Tagen kann ich leben.
Vali