Grüne vs Internet - war alles nur ein Spaß

Sein Beitrag Zur unerträglichen Leichtigkeit des Internet entfachte einen wahren Sturm im Netz. Warf er doch mir ziemlich heftigen Sätzen um sich. Jetzt äusserte sich Matthias Güldner zu seinem Text und behauptet, dieser sei als Provokation gedacht gewesen, um eine Diskussion anzufachen. In Netz-Kreisen würde man sowas wohl eher "trollen" nennen. Aber sei's drum.
Wer Ego-Shooter für Unterhaltung, Facebook für reales Leben, wer Twitter für reale Politik hält, scheint davon auszugehen, dass Gewalt keine Opfer in der Realwelt fordert. Anders kann die ignorante Argumentation gegen die Internetsperren gar nicht erklärt werden.
Da ist zum Beispiel das Argument, die Sperren könnten umgangen werden. Da haben sich einige wohl das Hirn herausgetwittert. Genauso gut könnte die Tatsache, dass Morde begangen werden, obwohl sie verboten sind, als Argument gegen den Mordparagraphen im Strafgesetzbuch angeführt werden.
Fast 400 Kommentare gab es zu dem Artikel - kein Wunder bei solch hahnebüchener Argumentation. Als Troll-Posting war das ganze also ein voller Erfolg. Auch innerparteilich bekam Güldner viel Aufmerksamkeit.
Sowohl der Bundesvorstand der Grünen als auch die Jungen Grünen haben sich von seinen Äusserungen zügig distanziert.
Auf der Seite der Grünen heisst es
Der Beitrag von Matthias Güldner vom 27. Juli 2009 in der WELT widerspricht deshalb nicht nur unserer grünen Programmlage, sondern schlägt gegenüber denjenigen, die sich für ein freies Internet engagieren, einen aus unserer Sicht nicht akzeptablen Ton an.
Das Internet war nie und darf auch nie ein rechtsfreier Raum sein. Es geht aber nicht um ein rechtsfreies Internet, sondern um ein freies Internet, ohne Filter und permanente staatliche Überwachung, selbstverständlich im rechtsstaatlichen Rahmen und mit rechtsstaatlicher Verfolgung von Straftaten.
Und die Jungen Grünen finden noch deutlicher Worte:
Lieber Matthias,
voller Erstaunen mussten wir deinen Beitrag vom 26. Juli 2009 auf der Debatten-Plattform der Welt lesen. Du wirfst uns und Millionen aktiven InternetnutzerInnen darin nicht weniger vor, als voller Ignoranz für die Probleme der „realen Welt“ die Gewalt gegen Kinder in Kauf zu nehmen, nur um uns unsere „bequeme Scheinwelt“ zu erhalten.
Wir glaubten in den Tagen nach der Bundestagsabstimmung über das Zugangserschwerungsgesetz sei der Tiefpunkt der Debatte über die Netzsperren endgültig erreicht worden – öffentlich wie innerparteilich. Schon da mussten wir uns hanebüchene Argumente anhören, wir stellten die Freiheit des Internets über das Wohl von Millionen Kindern. Mit deinem Kommentar belehrst du uns nun eines Besseren: Offensichtlich war das Niveau der Diskussion längst nicht tief genug.
Und das alles war jetzt also nur ein Versuch, mit den Kritikern der Zensurinfrastruktur ins Gespräch zu kommen, für die es offensichtlich auch schon Pläne gibt, um den Zugriff auf andere unschöne Inhalte zu erschweren, wie von der Leyen zugab.
Mir geht es jetzt um den Kampf gegen die ungehinderte Verbreitung von Bildern vergewaltigter Kinder. Doch wir werden weiter Diskussionen führen, wie wir Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde im Internet im richtigen Maß erhalten. Sonst droht das großartige Internet ein rechtsfreier Chaosraum zu werden, in dem man hemmungslos mobben, beleidigen und betrügen kann.
Update
Natürlich war das auch nur ein Mißverständnis:
Die Bundesfamilienministerin hat keineswegs eine Ausweitung der Internetsperren oder ein anders geartetes konkretes Vorgehen gegen weitere rechtwidrige Inhalte als Kinderpornografie angekündigt. Andere Deutungen sind nicht durch den Wortlaut des Interviews gedeckt.
Güldner erklärt nun auf seiner Webseite und auf Netzpolitik.org, dass seine Provokation toll aufgegangen wäre und er ja schon immer ein großer Verfechter der Menschen- und Bürgerrechte gewesen sein:
Seit dem Erscheinen des Artikels gab es auf lokaler Ebene gute, sehr intensive Gespräche mit digital kundigen Leuten. Wir versuchten zunächst uns gegenseitig unsere Positionen zu erklären und besser zu verstehen. Das hat erstaunlich gut geklappt.
Wenn wir das Gewicht des Themas ernst nehmen, wird dabei kein schneller Konsens, heraus kommen. Ich finde das nicht schlimm.
Wenn wirklich eine vorurteilsfreie Diskussion sein Ziel gewesen wäre, hätte er das deutlich einfacher schaffen können. So wurde weiter am Image der Grünen als Bürgerrechts- und Internetpartei gekratzt, dass ohnehin bereits einige tiefe Furchen hat. Nicht zuletzt da 15 Fraktionsmitglieder nicht gegen das Zensurgesetz gestimmt hatten, sondern sich bei der Abstimmung enthalten haben.
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