Markus Reiter: Dumm 3.0
Es ist doch immer wieder schön zu lesen, dass sich auch ältere Autoren mit dem Medium Internet beschäftigen. Bei sehr vielen wird recht schnell klar, dass sie vor allem eines haben: Angst. Angst vor Veränderung. Angst davor, dass sie die Kontrolle über ihre Werke verlieren. Doch woher kommt dieser Angst? Wäre man gemein, würde man jetzt einfach den aktuellen Buchtitel von Markus Reiter als Antwort geben: Dumm 3.0
Die Stuttgarter Zeitung war so freundlich, ihn einen Artikel schreiben zu lassen, der sich inhaltlich doch sehr start an sein aktuelles Werk anlehnt. Der Titel: "Das Prinzip Gier, getarnt als Naturrecht".
Immerhin erkennt er an, dass es sich beim Kopieren von Inhalten über das Internet nicht um Diebstahl handelt. Auch wenn er dies sehr elegant andeutet: "Im Laden hieße es Diebstahl".
Jeder sieht ein, dass sich strafbar macht, wer in einen Laden geht und eine CD, ein Buch oder eine DVD, ohne zu bezahlen, in seiner Tasche verschwinden lässt. Das gilt auch dann - um gleich ein Argument der Urheberrechtsgegner aufzugreifen -, wenn diese Werke alle irgendwie auf der Weltgeistesgeschichte fußen. Geschieht der Diebstahl nur noch virtuell, erkennen diese Urheberrechtsgegner nichts Unrechtes mehr darin. Schließlich sei die Datei, anders als die CD oder das Buch, ja nicht weg - selbst wenn Künstler, Verlag, Label, Verkäufer und alle anderen leer ausgehen.
(Anmerkung: Liebe Stuttgarter Zeitung, dies ist ein Zitat in einem eigenständigen, neuen Artikel. Dieses Vorgehen ist durch das Urheberrecht gedeckt. Nur zur Sicherheit....)
Würde man dies so im Laden möglich, wäre das auch kein Diebstahl. Wenn jemand, statt im Laden fertige Pfannkuchen zu kaufen, Eier, Milch und Mehle kauft und dann zu Hause selber einen Pfannkuchen bäckt, spricht ja auch niemand von Diebstahl. Und genau das passiert auch mit dem Werk des Künstlers. Jemand kauft sich einen Computer, zahlt für einen Internetzugang und fertigt eigenständig eine Kopie eines Werks an. Natürlich ist das für den Künstler doof. Er erhält kein Geld dafür, dass jemand anderes eine Kopie seines Werkes erstellt hat. Der Einfachheit halber entfällt die Tatsache, dass er über diverse Pauschalabgaben entschädigt wird.
Es gibt aber glücklicherweise mehr als genug Künstler, die exakt diese tolerieren. Sie sehen sich nicht als Kunstarbeiter an, sondern als Kreative. Sie schaffen Kunst um der Kunst willen. Sieht man sich bei Amazon die anderen Bücher an, die Reiter geschrieben hat, wird schnell klar, dass er eben kein Künstler ist. Er schreibt Bücher um des schnöden Mammons willen. Das ist vollkommen in Ordnung. Dass er sich aber zum Rächer den Enteigneten aufschwingt, ist es nicht.
Ebenso zeugt sein Angriff auf die Piratenpartei von wenig Sachverständnis:
Eine solche nachträgliche Rationalisierung persönlicher Gier (denn nichts anderes ist es, wenn man Dinge besitzen will, ohne dafür bezahlen zu müssen), leistet die Piratenpartei. Sie schreibt in ihr Programm: "Wir sind der Überzeugung, dass die nichtkommerzielle Vervielfältigung und Nutzung von Werken als natürlich betrachtet werden sollte."
Die Piratenpartei rationalisiert also die persönliche Gier. Lieber Markus Reiter: Der Piratenpartei Gier vorzuwerfen, ist sehr scheinheilig. Sie schreiben Bücher aus Gier. Wie schon geschrieben: Das ist vollkommen in Ordnung. Das ganze Leben besteht aus Gier. Die Maske unserer Zivilisation verbirgt dies mehr schlecht als recht. Denn wer ist angesehener: Das kleine Arbeiter von nebenan, der sein ganzes Leben buckelt und dann auf Hartz IV abstürzt, oder der erfolgreiche Star, dem das Glück und das Marketing Erfolg und Geld nur so zutreiben?
Und genau aus dem Grund, wollen viele Menschen lieber Star werden, als einfacher Arbeiter. Als Beleg für diese Behauptung sollen jetzt einfach mal nur die Casting-Shows jeglicher Couleur dienen, die von tausenden von Jugendlichen immer wieder besucht werden. Natürlich gibt es auch den Kampf um den Job als Tatöwierer auf Rügen, aber der läuft eher Vormittags um 11 als zur besten Zeit im Abendprogramm. Diese Gier bringt die Gesellschaft voran, da durch sie Menschen dazu streben, neue Wege zu finden, statt immer auf den alten einherzutrotten.
Die Gier der Jugendlichen, die kein Geld für etwas ausgeben möchte, was sie auch kostenlos bekommen kann, verändert die Gesellschaft deutlich. Immer mehr Künstler erkennen, dass es kein Naturrecht gibt, Geld zu verdienen, weil man Kunst erzeugt. Sie erkennen, dass es harte Arbeit ist, als Künstler Geld zu verdienen. Dies war aber nie anders. Nur haben sich mit dem Internet die Rahmenbedingungen geändert. Während man früher den Talentscout vom Majorlabel überzeugen musste, hat man heute die Gelegenheit, sich direkt den Zuhörer zu stellen. Es gibt keine künstliche Schranke mehr, keine Vorselektierung was denn nun markttauglich ist, und was nicht.
Sicherlich gibt es gute Gründe, das extrem unübersichtliche Urheberrecht zu reformieren, so dass sich der schlichte Diebstahl vom kreativen Umgang mit einem urheberrechtlich geschützten Ausgangsmaterial einfacher trennen lässt. Dies ist aber kein Grund, die Prinzipien des Urheberrechts einfach über Bord zu werfen. Wer Kulturprodukte konsumieren will, dem sollte klar sein, dass er dafür bezahlen muss - und dass er mit Strafe zu rechnen hat, falls er sich dem verweigert.
Da ist es also wieder doch. Das Wort "Diebstahl". Gepaart mit der dummdreisten Behauptung, wer Kulturprodukte konsumieren wolle, der müsse dafür bezahlen. Und dass bestraft wird, wer Kultur konsumiert, ohne dafür zu zahlen. Dem ist entgegenzuhalten: Es ist grob fahrlässig, die Produkte von Menschen wie Herrn Reiter zu kaufen. Denn diese bedrohen die Entfaltung einer freien Kultur auf schärfste. Es ist ein Recht jedes Kreativen, das Ergebnis seines Schaffensprozesses jederman kostenlos und frei zur Verfügung zu stellen. Und jeder, der Kultur konsumiert, ohne dafür zu zahlen, soll dies straffrei tun können. Statt darüber zu jammern, sei auf das Grundgesetz verwiesen. Dort steht eindeutig: Eigentum verpflichtet. Dafür, dass der Staat dem Kreativen gewisse exklusive kommerzielle Verwertungsrechte zugesteht, verlangt die Piratenpartei, dass der Kreative dafür die Ergebnisse seiner Arbeit für private, nicht kommerzielle Zwecke kostenlos zur Verfügung stellt.
Unser Autor betreibt seit fast zwei Jahren das Portal Musik.klarmachen-zum-aendern.de, auf dem regelmässig neue Wege vorgestellt werden, wie sich Kreative im Dschungel des Internets präsentieren können. Er zieht daraus keinen finanziellen Vorteil, sondern sieht seine Entlohnung darin, von hunderten Kreativen kostenlos und legal Kulturprodukte zur Verfügung gestellt zu bekommen.
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Wochenrückblick 11.04.2010 - 17.04.2010
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Kommentare
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[...] Markus Reiter: Dumm 3.0 | blog.christian-hufgard.de In der Stuttgarter Zeitung hat heute ein Markus Reiter einen Artikel über die Verbrecher geschrieben, die kostenlos fremdes 'geistiges Eigentum' nutzen. Eigentlich geht es ihm dabei nur um Werbung für sein neues Buch, aber dafür ist er sich aber auch nicht zu schade böse Blicke auf die Piratenpartei zu werfen. Und wieder kommt der Vergleich, dass man sich in einer Buchhandlung auch kein Buch ohne zu bezahlen einstecken dürfe. Das stimmt natürlich, hat aber auch nichts mit dem Thema zu tun – in einer Bibliothek darf ich auch Bücher lesen, ohne sie zu bezahlen. Und weil sowas immer einer Antwort bedarf hat sich unser Christian hingesetzt und eine geschrieben. Den Titel Dumm 3.0 finde ich jetzt etwas harsch und auch sonst könnte er etwas netter sein, aber das würde auch nichts nützen ;-) Den eigentlichen Artikel hat Christian natürlich verlinkt, damit sich jeder ein bild machen kann, ich empfehle, diesen zuerst zu lesen. (tags: wrb Urheberrecht) [...]