Ei gegen den Erdogan

Abgelegt unter:

Andi Popp schrieb neulich den lesenswerten Artikel Mehr Hitler-Vergleich wagen. Dazu passend möchte ich eine kleine Anekdote zum Besten geben, sie sich vor einigen Jahren ereignet hat.

Ich sammelt Unterschriften für die Zulassung zur Landtagswahl in Hessen. Wir wollten mal einen anderen Standort ausprobieren und waren auf die Berger Straße in Frankfurt gegangen. Irgendwann kam eine ältere Damen in einem schicken roten Kleid auf uns zu und fragte uns, was wir denn hier machen würden.

Wir erzählten ihr, dass wir von der Piratenpartei wären und Unterschriften für die Wahlzulassung sammeln würden. "Aha", sagte sie und wollte wissen, was denn unsere Ziele wären. Einer unserer Schwerpunkt sei der Kampf gegen den Ausbau des Überwachungsstaats, antworteten wir. "Ein wichtiges Thema.", stimmte sie uns zu. Was wir denn noch so machten, außer an Wahlen teilzunehmen, wollte sie dann als nächstes wissen.

Wir erzählten von den diversen Demonstrationen, Mahnwachen und Aktionen die wir bereits durchgeführt haben. Das überzeugte sie. Sie sei früher auch gegen Überwachung auf die Straße gegangen und hätte demonstriert, sagte sie, während sie das Unterstützerformular ausfüllte. "Oh, wogegen denn?", wollten wir wissen. Sie war ja erkennbar nicht mehr die jüngste und es gab ja große Proteste gegen die Volkszählung Ende der 80er.

"Ei gegen den Hitler!" war ihre Antwort und wir waren erst mal baff. Wir fragten nach ihrem Alter und erfuhren, dass sie mitten in den 90ern war. Bevor wir sie noch weiter löchern konnten, war sie auch schon wieder verschwunden.

Und gestern gingen zehntausende Menschen auf die Straße und demonstrieren in Deutschland für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Preisen ihn für seinen Einsatz für die Demokratie und Menschenrechte. Während sich die Türkei im Ausnahmezustand befindet. Dazu hat natürlich auch der Putschversuch beigetragen. Er war ein willkommener Anlass, um drakonische Säuberungsmaßnahmen durchzuführen und zehntausende Menschen festzunehmen.

"Glauben Sie doch bitte an die Demokratiereife der Türken"

Der Schura-Vorsitzende Mustafa Yoldas ist fest davon überzeugt, dass die Türkei eine stabile Demokratie ist. In der ein gewählter Präsident im Interesse der Bevölkerung handelt. Er scheint auch fest daran zu glauben, dass Erdogan eine Wahlniederlage akzeptieren würde und dass die Türken ihn "absägen" würden, wenn er ihre Grundrechte infrage stelle.

Genau wie er hoffe ich, dass die Türkei zur Ruhe kommt. Dass dort Kurden in Ruhe und Frieden leben können, nachdem für sie der Ausnahmezustand seit Jahrzehnten der Normalzustand ist. Dass niemand befürchten muss verprügelt zu werden, weil er zur falschen Zeit Musik hört und Alkohol trinkt. Dass niemand Angst davor haben muss bei einer Reise in die Türkei verhaftet zu werden, weil er den Präsidenten kritisiert. Dass keine Zeitungen, Radio- und Fernsehsender dicht gemacht werden, weil sie Dinge verbreiten, die der Präsident nicht hören will.

Ich hoffe sehr, dass nicht in 80 Jahren eine Dame im roten Kleid irgendwo in der Türkei jungen Menschen erzählt, dass sie damals "gegen den Erdogan" demonstriert hat. Und diese jungen Menschen sprachlos zurückbleiben weil sie das, was in den Jahren danach passiert ist, nur aus Geschichtsbüchern und Erzählungen ihrer Großeltern kennen.

Trackback URL for this post:

https://blog.christian-hufgard.de/trackback/565
Your rating: Keine Average: 4 (1 vote)

Bewerte dies

Your rating: Keine Average: 4 (1 vote)