Neue Stadtmitte: Ein offener Brief

Eigentlich ist es ja nicht üblich, einen offenen Brief mit einem Vorwort zu versehen. Aber da uns Autoren gerne vorgeworfen wird, wir seien ja immer dagegen, verstoße ich einfach auch gegen diese Regel. Wir sind auch gar nicht immer dagegen. Wir sind für etwas. Wir setzen uns für mehr Bürgerbeteiligung ein. Wir wollen, dass die Menschen in Kelsterbach darüber mitbestimmen, wie ihre Stadt gestaltet wird. Manchmal gelingt uns dies, manchmal nicht. Aber wir versuchen es immer wieder.

Auf der Resterampe

Die „Neue Stadtmitte“ hat den Namen nicht verdient. Offener Brief an die Mitglieder des Bauausschusses und des Magistrats

Der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler fragt in der FAZ: „Warum eigentlich sind unsere alten Städte in Europa schöner als alles, was Planer und Architekten je in den vergangenen Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg an Neuem entwickelt haben? “

Mäckler stellt fest: Ein Großteil der deutschen Innenstädte wurde in den 1950er bis 1970er Jahren zerstört. Der öffentliche Raum - „schlechthin der Gemeinschaftsbesitz unserer Gesellschaft“ - wird rein funktionalen Aspekten, der Effizienz und der Rendite geopfert. Übrig blieben „keine Stadträume, eher Resträume“, so lässt sich seine Kritik zusammenfassen.

Das spiegelt sich so auch unmittelbar in der „Neuen Kelsterbacher Mitte“ wider. Das Gebäude des Investors ist ein Renditeobjekt par excellence. Es schert sich nicht um die Proportionen oder die Gestalt seiner Umgebung. Es schert sich nicht um den öffentlichen Raum.

Überdeutlich wurde das mit der Entscheidung, den Sandhügelplatz und damit eine tatsächliche, erlebbare neue Mitte aufzugeben. Statt eines Raumes für Menschen wurde daraus eine Abstellfläche für Autos. Ein Restraum mit dem Charme eines Supermarkt-Eingangsbereichs.



Ausschnitt der im Bürgerhaus gezeigten
Präsentation

Da kann auch der Landschaftsarchitekt nicht mehr viel ausrichten, dessen Planung im Bürgerhaus vorgestellt wurde. Er versucht es erst gar nicht. Stattdessen gibt es wolkige Visualisierungen, die nicht nur nicht Bezug auf die vorhandene Bebauung nehmen, sondern diese auch noch ausblenden. Die gesamte Darstellung erinnert eher an einen endzeitlichen Ego-Shooter als an einen Raum mit Aufenthaltsqualität.

Auch schwulstige Worte trösten nicht darüber hinweg, dass die Bäume erst in 50 bis 70 Jahren so aussehen werden wie auf den Bildern dargestellt. Solange wird es nämlich dauern, bis die geplanten Baumreihen ausgewachsen sind.

Baumreihen sind ein beliebtes und modisches Mittel Achsen zu bilden und Räume „einzufassen“. Aber damit kann keine Aufenthaltsqualität geschaffen werden. Auch nicht, wenn man noch ein „Wasserspiel“ dazu stellt. Ob die Wahl des gleichen Bodenbelags für die Parkplatzflächen den "Raum weiten" und den Sandhügelplatz „erlebbar“ machen wird, sei dahingestellt.

Leider wurde es versäumt, die beiden verbliebenen großen Bäume, die heute noch auf dem Platz stehen, gestalterisch einzubinden – und vor allem zu schätzen. Denn es wurde kein Gedanke daran verschwendet, die Jahrzehnte alten Bäume vor den Belastungen durch die Baustelle zu schützen. Nicht einmal zu einem kleinen Kompromiss ist man bereit: Den Verzicht auf ein, oder zwei Parkplätze, um sie zu erhalten.

Die Planung des öffentlichen Raums kann – und muss – anders vonstatten gehen.

Wir schlagen eine Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger vor, wie bei der Gestaltung der Grünflächen im Neubaugebiet Länger Weg. Dort haben Landschaftsarchitekt, der Leiter des KKB und Anwohner gemeinsam nach der optimalen Lösung gesucht. Im Rahmen dieses Prozesses sollten auch Ausstattungsmerkmale, wie Lampen, Bänke, Fahrradständer, etc. diskutiert werden.

Antworten

Wenige Stunden nach dem Versand des Briefes haben wir eine Antwort des Bürgermeisters erhalten. Da er sie auch an die gleichen Journalisten verschickt hat wie wir unseren offenen Brief, möchte ich sie hier vollständig veröffentlichen.

Sehr geehrte Herren Wälther und Hufgard,

selbstverständlich regt der Artikel von Herrn Mäckler zum Nachdenken an, allerdings kann ich dem Autor in seiner Kritik nur in Ansätzen folgen, allein schon durch die völlig verschiedenen historischen, gesellschaftlichen Epochen, die nicht vergleichbar sind.
Was Ihnen wahrscheinlich entgangen ist oder Sie auch nicht wahrhaben wollen, ist die besonders ausgedehnte Mitwirkung auch der Öffentlichkeit in dem wettbewerblichen Dialog- und Bebauungsplanverfahren zur Entwicklung der Stadtmitte. Die Schaffung von Wohnraum und auch die Verbesserung der Einzelhandelsangebote sind nur mit privatwirtschaftlichem Engagement zu erzielen. So auch in Kelsterbach. Sie wiederholen Ihre Kritik, die wir ja schon einmal von Ihnen erfahren durften. Deshalb ist es ziemlich obsolet, fachlich erneut darauf zu antworten.

Wenn die Stadtmitte fertig gestellt ist, wird ja weiter Gelegenheit gegeben werden, sich darüber eine Meinung zu bilden.

Mit freundlichen Grüßen

Manfred Ockel

Dazu möchte ich anmerken, dass wir niemals kritisiert haben, dass durch privatwirtschaftliches Engagement Wohnraum geschaffen wird. Wir haben auch niemand gefordert, dass die Stadt selber die Verbesserung der Einzelhandelsangebote in die Hand nimmt.

An die die "besonders ausgedehnte Mitwirkung auch der Öffentlichkeit in dem wettbewerblichen Dialog- und Bebauungsplanverfahren" kann ich mich in der Tat nicht erinnern. Meines Wissens nach war vergangenen Montag der erste Termin, an dem die Öffentlichkeit Einblick in die Pläne für die Gestaltung des Platzes in der neuen Stadtmitte bekommen hat.

Die vorherigen Illustrationen sahen deutlich freundlicher aus. Allerdings wird auch dort großzügig das Umfeld ausgeblendet bzw. durch Wiesen und Bäume ersetzt, die es an diesen Stellen definitiv nicht gibt.



Visualisierung entnommen von Neue-Mitte-Kelsterbach.de

Oh, eines noch: Ein "Renditeobjekt par excellence" ist auch nichts Schlechtes. Ich freue mich selber wie ein Schneekönig, wenn sich meine bescheidenen Investitionen auszahlen. Aber eine gewisse Balance sollte dabei schon erhalten bleiben.

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